Als Sologründer wirst Du früher oder später scheitern. Denn Scheitern ist ein elementarer Teil jeder Gründung. Aber nicht jedes Scheitern ist auch automatisch ein Fehler: Manchmal ist es auch ein Irrtum. Und genau dieser Unterschied ist entscheidend, wenn Du aus Deinen Rückschlägen wirklich lernen willst.
Der Unterschied zwischen Fehler und Irrtum
Niemand scheitert gerne. Und doch macht es einen gewaltigen Unterschied, warum etwas schiefläuft. Nicht jedes Scheitern ist automatisch ein Fehler. Manchmal ist es ein Irrtum. Und das ist etwas vollkommen anderes.
Das hättest Du vorher wissen können
Wenn Du eine Information hättest haben können, sie aber ignoriert, übersehen oder missachtet hast, dann hast Du einen Fehler gemacht. Fehler passieren aus Nachlässigkeit, Übermut oder auch mangelnder Vorbereitung. Du hättest es schlichtweg besser wissen können.
Wenn Du ein Regal an die Wand bohrst, obwohl Du weißt, dass dort irgendwo eine Stromleitung verläuft und dann genau diese Leitung erwischt. Dann hast Du einen Fehler gemacht. Denn Du hattest (prinzipiell) die Möglichkeit, vorher zu überprüfen, wo sie genau verläuft.
Das hat sich im Nachhinein als falsch herausgestellt
Ein Irrtum ist etwas anderes als ein Fehler. Einem Irrtum unterliegst Du, wenn Du eine begründete Annahme triffst und sich diese Annahme im Nachhinein als falsch herausstellt. Du hast also nicht leichtsinnig gehandelt, sondern auf Basis Deiner aktuell verfügbaren Informationen eine Entscheidung getroffen.
Wenn Du beispielsweise davon ausgehst, dass sich Deine Zielgruppe für Dein neues Produkt interessiert und ein erstes Minimum Viable Product entwickelst, auf das aber dann niemand reagiert. Dann ist das kein Fehler, sondern ein Irrtum.
Deine Annahme war schlichtweg nicht korrekt. Aber: Sie war testbar. Und genau das hast Du getan.
Irrtümer sind unvermeidbar
Als Solopreneur bewegst Du Dich in einem Umfeld, das von Ungewissheit, Komplexität und schnellen Veränderungen geprägt ist. Eine Welt, die oft mit dem VUCA-Akronym beschrieben wird: Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Diese vier Begriffe stehen für die Herausforderungen, mit denen Du jeden Tag konfrontiert bist. Und all das zusammengenommen macht Irrtümer einfach unvermeidbar. Es geht gar nicht anders.

Du kannst vorher nicht alles wissen
Gerade am Anfang Deiner Gründung weißt Du oft wenig (oder sogar gar nichts) über Deinen Markt, Deine Zielgruppe oder ihre tatsächlichen Bedürfnisse. Viele Deiner Entscheidungen beruhen deshalb auf Annahmen mit Vertrauensvorschuss. Und das ist auch völlig in Ordnung. Denn wie willst Du etwas sicher wissen, das Du noch nie zuvor ausprobiert hast? Oder das vor Dir noch niemand anderes gemacht hat?
Selbst später, wenn Dein Business wächst, bleiben viele Faktoren schwer vorhersehbar: gesellschaftlicher Wandel, technologische Trends, neue Wettbewerber oder sich ändernde Erwartungen Deiner Kunden.
Irrtümer sind wertvoll
Auf den ersten Blick ist es natürlich frustrierend, wenn Deine Idee nicht funktioniert. Du hast Zeit und Energie investiert und warst vielleicht sogar richtig überzeugt. Aber die Realität hat belehrt Dich eines Besseren belehrt.
Doch wenn Du genau hinschaust, steckt in jedem Irrtum, in jeder widerlegten Annahme ein großer Gewinn für Dich: Du hast etwas hinzugelernt.
Irrtümer bringen Dich weiter
Ein Irrtum zeigt Dir, dass Deine Annahme falsch war. Das ist unbequem, ja. Aber es erweitert Deinen Horizont. Du weißt jetzt mehr als vorher. Und dieses Mehr ist oft der entscheidende Punkt. Ganz besonders in einem Umfeld voller Ungewissheit wie bei Deiner Gründung.
Ein Fehler hingegen (vor allem dann, wenn Du ihn gerne wiederholst) führt zu Frust oder Schuldgefühlen. Er bringt Dich nur selten weiter, weil er Dich nicht auf neue Erkenntnisse, sondern auf vermeidbares Verhalten hinweist.
Irrtümer sind Bausteine für neue Entscheidungen
Im Lean Startup ist das Scheitern einer Hypothese nichts Negatives. Im Gegenteil: Auch ein Irrtum ist ein Fortschritt. Du weißt jetzt, was nicht funktioniert. Und das hilft Dir, klarer zu sehen, bessere Fragen zu stellen und klügere Entscheidungen zu treffen. Und Deinen Kurs anzupassen.
Mit jedem Irrtum wächst Dein Wissen über Deine Zielgruppe, Dein Produkt oder Deinen Markt. Du wirst genauer in Deinen Annahmen, gezielter in Deinen Tests und schneller in Deiner Weiterentwicklung.
Produktiver Umgang mit Irrtümern
Ein Irrtum allein bringt Dich allerdings noch nicht wirklich weiter. Entscheidend ist, wie Du damit umgehst. Damit ein Irrtum auch zu einer wertvollen Erkenntnis werden kann, solltest Du vor allem auf drei wichtige Punkte achten:
- Sei Dir Deiner Annahmen bewusst
- Reduziere Dein Risiko (durch gezieltes Testen)
- Nimm Dir regelmäßig Zeit zur Reflexion
Tipp #1: Sei Dir Deiner Annahmen bewusst
Zunächst einmal musst Du Dir darüber im Klaren sein, dass Du als Gründer so gut wie nichts weißt, sondern nur glaubst, etwas zu wissen. Hinter Deiner Geschäftsidee oder Deinem neusten Produkt stecken also sehr viele Annahmen. Und Du solltest wissen, welche das sind.
Tipp #2: Reduziere Dein Risiko (durch gezieltes Testen)
Zweitens solltest Du bei der Entwicklung Deiner neuesten Produktidee nicht direkt alles auf eine Karte setzen. Oder kurz gesagt: Angesichts der großen Ungewissheit und Komplexität Deiner Herausforderung wäre es ein gravierender Fehler (und kein Irrtum), Deine Idee sofort komplett umzusetzen.

Nutze deshalb Tests & Experimente, mit denen Du möglichst risikolos herausfinden kannst, ob Deine Annahmen stimmen oder nicht. Und erst wenn Du Dir sicher (oder wenigstens sicherer) bist, gehst Du den nächsten Schritt.
Dazu kannst Du zum Beispiel auch die Test Card von Alexander Osterwalder nutzen.

Effectuation
Auch beim Effectuation ist dieses Vorgehen fest verankert. Beispielsweise spricht man hier vom Affordable-Loss-Prinzip. Das heißt, immer dann, wenn Du mit Ungewissheit konfrontiert bist, überlegst Du Dir vorher genau, was Du bereit bist zu verlieren, falls Du einem Irrtum unterliegen solltest.
Tipp #3: Nimm Dir regelmäßig Zeit für Reflexion
Außerdem reicht es natürlich nicht aus zu experimentieren, ohne Dir anschließend Gedanken darüber zu machen, was Du in Zukunft anders machen willst. Nimm Dir deshalb Zeit für regelmäßige Retrospektiven, um Deine Irrtümer (und Fehler) zu verarbeiten. Am besten funktioniert das natürlich im Austausch mit anderen Solopreneuren.
Fragen, die Du Dir regelmäßig stellen solltest:
- Welche Annahme lag meiner Entscheidung zugrunde?
- Wie habe ich getestet, ob sie stimmt?
- Was hat mich überrascht?
- Was habe ich aus dem letzten Experiment gelernt?
- Wie könnte mein nächstes Experiment aussehen?
- Sollte ich einen Kurswechsel machen oder meine Richtung beibehalten?
Kurz gesagt
Scheitern ist doof. Und doch ist es ein unvermeidbarer Teil des Gründens. In der VUCA-Welt gibt es keine Garantien für Dich. Der Unterschied zwischen Fehler und Irrtum hilft Dir dabei, klarer zu sehen: Was hättest Du vorher wissen können? Und wo hattest Du eine Annahme, die sich erst später als falsch herausgestellt hat?
Solange Du bewusst vorgehst, testest und reflektierst, ist jeder Irrtum ein Fortschritt für Dich. Du musst nicht perfekt sein. Du musst nur bereit sein, kontinuierlich hinzuzulernen. Immer wieder. Schnell. Und mit der richtigen Haltung. Denn genau das ist es, was fail fast & forward wirklich bedeutet.



Diskussion