Schnell das neueste KI-Modell ausprobiert, den nächsten Agenten programmiert, der all Deine E-Mails automatisch beantwortet, oder den Internetblog mit Claude neu gepromptet. Am besten alles gleichzeitig. Bloß nicht den Anschluss verlieren! KI wird alles automatisieren und beschleunigen und wer jetzt nicht sofort auf den fahrenden Zug aufspringt, der ist schon morgen obsolet.
Aber Torschlusspanik war noch nie ein guter Ratgeber.
Tunnelblick & Scheuklappen
Disruptive Innovationen wie Künstliche Intelligenz zeigen vor allem zwei Symptome: Entweder bereiten wir uns gar nicht darauf vor, weil wir so sehr im Daily Hustle sind, dass wir "keine Zeit" haben, uns damit zu beschäftigen. Oder wir glauben, dass es nur eine einzige Zukunft geben wird, weil alles linear darauf zustrebt.
Mit dem Future Cone bzw. Cone of Possibilities hat der australische Physiker und Zukunftsforscher Joseph Voros schon vor mehr als 20 Jahren gezeigt, dass wir anders über Zukünfte nachdenken sollten, als wir das meistens tun.
Denn der Future Cone unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Zukünften:
- Projizierte Zukunft
- Wahrscheinliche Zukünfte
- Plausible Zukünfte
- Mögliche Zukünfte und
- Wünschenswerte Zukünfte (rot)
Je weiter Du in der Zeit voranschreitest, desto größer wird der Möglichkeitsraum der einzelnen Zukünfte, wodurch sich dann der namensgebende Kegel ergibt.

Projizierte Zukunft
Die projizierte Zukunft (engl. projected future) ist der Normalfall wie wir über Zukunft nachdenken. Im Grunde steckt hinter der projizierten Zukunft also der Gedanke, dass sie nicht anderes als eine "lineare Fortschreibung der Gegenwart" ist.
In dieser Denke bleibt alles beim Alten und das Morgen ist nicht viel anders als das Heute. In dieser Zukunft bewegen wir uns beispielsweise, wenn wir einen Businessplan entwickeln oder eine Jahresplanung machen.
Wahrscheinliche Zukünfte
Wenn wir unseren Blick jedoch ein wenig weiten und verschiedene (bereits bekannte) Trends & Treiber berücksichtigen, dann sehen wir schnell, dass es ein größeres Bündel an wahrscheinlichen Zukünften (engl. probable futures) gibt, die laut Future Cone ebenfalls eintreten könnten.
Denn je nachdem wie sich diese Trends & Treiber entwickeln, schlägt das Pendel zur einen oder anderen Seite aus. Grundsätzlich liegen aber all diese Zukunftsszenarien noch relativ dich beieinander. Auch hier erwarten uns meistens keine großen Überraschungen.
Plausible Zukünfte
Größer wird die Streuung im Future Cone, wenn wir uns nicht nur darüber Gedanken machen, welche Zukünfte (höchst-)wahrscheinlich eintreten, sondern in Betracht ziehen, welche Zukünfte auf Basis unseres heutigen Wissens plausibel sind (engl. plausible futures).
In diesem Bereich des Future Cones fragen wir uns also, was realistischerweise passieren könnte.
Hier fließen zum Beispiel neue, innovative Technologien, gesellschaftliche Veränderungen oder auch unvorhergesehene (aber physikalisch oder logisch mögliche) Ereignisse in unsere Überlegungen über Zukünfte mit ein.
Mögliche Zukünfte
Die größte Bandbreite im Future Cone entsteht allerdings dann, wenn wir nicht nur unseren heutigen Wissensstand als Grundlage für Zukunftsszenarien zu Rate ziehen, sondern uns beispielsweise vorstellen, dass heute noch undenkbare (wissenschaftliche) Durchbrüche erzielt werden.
Die möglichen Zukünfte (engl. possible futures) unterstellen also, dass in Zukunft Dinge möglich sein könnten, die heute noch unvorstellbar oder undenkbar scheinen.
Wünschenswerte Zukünfte
Neben der projizierten Zukunft und den wahrscheinlichen, plausiblen und möglichen Zukünften gibt es im Future Cone jedoch auch noch die wünschenswerten Zukünfte (engl. preferable futures).
Wie Du im Schaubild weiter oben sehen kannst, liegen diese Zukünfte quer zu allen anderen Schichten. Sie können also in jedem Bereich des Future Cones liegen, auch in einer eher unwahrscheinlichen Zukunft. Denn bei den wünschenswerten Zukünften geht es nicht darum, wie wahrscheinlich sie eintreten werden, sondern darum, wie sehr wir uns diese Zukunft wünschen.
Es sind also die Zukünfte, die von uns aktiv gestaltet werden wollen.
So weitest Du Deinen Blick für mögliche Zukünfte
In ihrem Buch Imaginable stellt die Zukunftsforscherin und Game Designerin Jane McGonigal ein Spiel vor, das Dir dabei hilft, verschiedene Zukunftsszenarien und ihre Auswirkungen auf Dich und Dein Business zu durchdenken: 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte.
Worum geht's?
Das Spiel 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte ist so etwas wie ein "mentaler Icebreaker". Es hilft Dir dabei, sowohl Deine eigene Vorstellungskraft über mögliche Zukünfte zu verbessern als auch Deine eingefahrenen Denkmuster aufzubrechen. Es zwingt Dich schlichtweg, Deine Annahmen über die Zukunft zu hinterfragen und Dich auf die Suche nach aktuellen Trends & Treibern zu machen, die eine für Dich bisher unvorstellbare Zukunft Wirklichkeit werden lassen könnten.
Das Ziel des Spiels ist es, alle Zukünfte von Voros' Future Cone zu erforschen und nicht nur die, die wir uns am einfachsten vorstellen können.
Du kannst 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte alleine, aber auch in einer Gruppe spielen. (Letzteres macht übrigens auch viel mehr Spaß.)
Was Du davon hast
Zum einen verstehst Du durch dieses Spiel besser, was Deine Annahmen darüber sind, wie "die Dinge heute funktionieren". Zum anderen erzeugst Du hundert neue Perspektiven, um genau diese Annahmen in Frage zu stellen.
Außerdem identifizierst Du neue Trends & Treiber, die dazu führen können, dass bestimmte Zukunftsszenarien Wirklichkeit werden. Das hilft Dir, diese Kräfte später im Blick zu behalten und nachzuverfolgen, wie sie sich weiter entwickeln.
Und – last but not least – wirst Du nicht mehr so überrascht (oder gar geschockt) sein, falls diese Szenarien tatsächlich eintreten sollten. Einfach aus dem simplen Grund, dass Du sie bereits für Dich durchdacht hast. 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte funktioniert also ein kleines bisschen so wie Zurück in die Zukunft.

So wird gespielt
Die Spielregeln von 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte sind denkbar einfach.
- Entscheide Dich für ein Thema
- Notiere 100 Fakten & Tatsachen, die heute wahr sind
- Flippe jeden Fakt
- Entdecke Trends & Treiber
- Reflektiere
Schritt #1: Entscheide Dich für ein Thema
Zunächst musst Du Dich für ein Thema entscheiden, dessen Zukünfte Du erforschen willst. Beispielsweise könntest Du Dich für das Thema Internetblogs entscheiden.
Schritt #2: Notiere 100 Fakten & Tatsachen, die heute wahr sind
Wenn Du Dein Thema gefunden hast, notierst Du Dir dazu 100 Fakten & Tatsachen, die heute wahr sind.
Für das Thema Internetblogs könnte diese Faktenliste beispielsweise folgendermaßen aussehen:
- Das wichtigste Medium eines Internetblogs ist Text, der in einer einzigen Sprache (zum Beispiel Deutsch) geschrieben wurde.
- Ein Internetblog muss auf einem Server gehostet werden.
- Ein Internetblog wird mit einer Software betrieben. (Zum Beispiel WordPress oder Ghost.)
- Ein Internetblog ist über eine URL erreichbar.
- Ein Internetblog hat verschiedene Unter- und Artikelseiten.
- Ein Internetblog hat eine Hauptnavigation.
- Die Navigation eines Internetblogs funktioniert mit einem Klick auf Links.
- Man braucht einen Browser und Internet, um einen Blog aufzurufen.
- Jeder Blogbeitrag hat ein Veröffentlichungsdatum.
- Blogbeiträge haben einen statischen Aufbau: Einleitung, Hauptteil & Schluss
- Es gibt verschiedene Rollen wie Admin, Editor, Contributor, registrierter Nutzer, Gast etc.
- Blogs erlangen durch SEO, GEO oder Social Media mehr Sichtbarkeit & Bekanntheit.
- In einem Blog können Gäste oder registrierte Nutzer Kommentare schreiben.
- Man kann einen Newsletter abonnieren und sich E-Mails zusenden lassen.
- Internetblogs nutzen Cookies.
- Jeder Internetblog hat einen Betreiber bzw. jeder Blogbeitrag hat einen Autor.
- Frei verfügbare Blogartikel werden dazu genutzt, um Künstliche Intelligenz zu trainieren.
...
- Blogs besitzen Kategorien und Schlagworte zur Strukturierung.
In der Praxis wird es alleine natürlich schwer, wirklich 100 Fakten zu einem Thema aufzuschreiben. Deshalb empfehle ich Dir auch, 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte in einer Gruppe zu spielen. Nichtsdestotrotz solltest Du Dir wirklich Mühe geben, so viele Fakten und Tatsachen wie möglich zu Deinem Thema aufzuschreiben. (Auch wenn Du "100" nicht wörtlich nehmen musst.)
Tatsächlich ist eine große Menge an Fakten ein wichtiger Teil des Spiels. Denn erfahrungsgemäß fällt es nicht schwer, die ersten Tatsachen zu notieren, die Dir sofort in den Sinn kommen. Richtig spannend wird es aber erst dann, wenn Dein Gehirn scheinbar keine Ideen mehr produziert und Du Dich anstrengen und strecken musst, weitere Fakten aufs Papier zu bringen.
Schritt #3: Flippe jeden Fakt
Jetzt kommt der lustige Teil: Stelle jeden Fakt und jede Tatsache auf Deiner Liste auf den Kopf und behaupte, dass in 10 Jahren das genaue Gegenteil wahr ist.
Wie bei einem guten Brainstorming bewertest Du Deine geflippten Fakten dabei zunächst nicht. Es ist also egal, ob das so entstandene Szenario auf den ersten Blick vollkommen lächerlich klingt.
Beginne Deine Formulierung immer mit "10 Jahre in der Zukunft..."
Aus "Jeder Blogartikel hat ein Veröffentlichungsdatum" wird "10 Jahre in der Zukunft lässt sich das Veröffentlichungsdatum eines Blogartikels nicht mehr bestimmen".
Aus "Die Navigation eines Internetblogs funktioniert mit einem Klick auf Links" wird "10 Jahre in der Zukunft navigieren Besucher mit Sprache durch einen Internetblog" oder sogar "10 Jahre in der Zukunft navigieren Besucher mit Hilfe von Blicken durch einen Internetblog".
Aus "Blogbeiträge haben einen statischen Aufbau" wird "10 Jahre in der Zukunft wird der Text dynamisch und individuell für den Leser in seiner Muttersprache generiert (und dem Sprachniveau des Lesers angepasst)".
Schritt #4: Entdecke Trends & Treiber
Im vierten Schritt des Spiels 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte kommen wir zum wirklich spannenden Part. Denn jetzt musst Du Dich auf die Suche nach Trends & Treibern machen, die bereits heute existieren und dafür sorgen könnten, dass ein Zukunftsszenario in 10 Jahren Wirklichkeit sein wird.
- Nutze die KI Deines Vertrauens, um Dir einen schnellen, ersten Überblick zu verschaffen.
- Recherchiere im Internet nach Trends & Treibern. Verwende "Die Zukunft von ..." für Deine Suche.
- Was sagt die wissenschaftliche Forschung zu Deinem Flipped Fact?
- Gibt es Hinweise darauf, dass so etwas wirklich Realität werden könnte?
Mit ein wenig Recherche kannst Du beispielsweise herausfinden, dass das "Navigieren mit Blicken" bereits heute technisch möglich (wenn auch noch nicht ausgereift) ist.
Auch das dynamische Generieren eines Blogbeitrags beim Seitenaufruf eines Blogs ist (dank Künstlicher Intelligenz) bereits heute umsetzbar. Es ist also durchaus denkbar, dass in 10 Jahren sowohl die Sprache als auch das Sprachniveau des Besuchers erkannt wird und der generierte Text entsprechend angepasst wird. Vielleicht hat dann jeder Internetsurfer ein persönliches Profil, das von Künstlicher Intelligenz erkannt wird und auf dessen Basis ein individueller Blogbeitrag generiert wird.
Für Betreiber eines Internetblogs würde das bedeuten, dass sie keine fertigen Texte mehr verfassen, sondern lediglich eine umfangreiche Datenbank aufbauen, die als Grundlage für die dynamisch generierten Texte dient.
Schritt #5: Reflektiere
Wenn Du die für Dich spannendsten Zukunftsszenarien durchgespielt hast, machst Du Dich im fünften Schritt daran, sie für Dich zu bewerten. Es geht bei 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte also gar nicht so sehr darum, wie realistisch oder wahrscheinlich jedes Szenario ist.
Vielmehr geht es darum, Dir vorzustellen, was jedes dieser Szenarien für Dich, Dein Leben und Deinen Alltag bedeuten würde.
- Welche heute gültigen Fakten hast Du entdeckt, von denen Du sagen würdest, dass sie für die Zukunft hinterfragt werden sollten?
- Welche Trends & Treiber hast Du entdeckt, die Du vorher noch nicht kanntest? Welche haben Dich am meisten überrascht und beeindruckt?
- In welcher Deiner 100 möglichen Zukünfte würdest Du gerne in 10 Jahren leben? Warum?
- Welche Deiner 100 möglichen Zukünfte wären am schlimmsten für Dich? Warum?
- Auf welche Entscheidungen & Handlungen, die Du heute triffst, wärst Du in 10 Jahren stolz, weil Du diese Zukunft mehr (oder weniger) wahrscheinlich gemacht hast?
Spiel mit mir!
Wenn Du Dich mit Deinem Business für die Zukunft aufstellen willst, hilft es sehr viel mehr, Dir viele verschiedene Zukünfte vorzustellen, als sie nur linear zu betrachten. Überlege Dir, wie Deine Beratung, Dein Angebot, Dein Markt oder Deine Zielgruppe in diesen Szenarien aussehen würde, statt zu versuchen, einem scheinbar linearen Trend zu folgen.
Es geht nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern sie zu antizipieren.
Wenn Du Lust hast, 100 Möglichkeiten wie in Zukunft alles anders sein könnte mit anderen Solopreneuren und mir live auszuprobieren, dann komm zum nächsten scamper.meetup!




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