Wenn es darum geht, ein Problem oder eine Herausforderung zu lösen, kann es manchmal ganz schön schwierig sein, sich für die passende Herangehensweise zu entscheiden. Solltest Du Dein Geschäftsmodell mit Lean Startup und Design Thinking entwickeln? Oder besser doch auf den guten alten Businessplan zurückgreifen? Vielleicht würde auch erstmal eine umfangreiche Marktanalyse helfen?

Im Zweifel entscheiden wir uns dann meistens doch für die Methode, die uns selbst am besten liegt. Wird schon schiefgehen! (Tut es dann meistens auch.)

Mit diesem Beitrag möchte ich Dir zeigen, warum Deine Herangehensweise immer zu Deiner Herausforderung passen muss und wie Dir das Cynefin Framework dabei hilft, Deine Situation besser einzuschätzen.

Wobei hilft Dir das Cynefin Framework?

Das Cynefin Framework ist eine nützliche Entscheidungshilfe, mit der Du Probleme und Herausforderungen kategorisieren kannst, um daraus die passende Lösungsstrategie abzuleiten. Beispielsweise wenn Du als Sologründer vor der Entscheidung stehst, Dein Geschäftsmodell oder ein neues Angebot zu entwickeln.

Herkunft des Cynefin Frameworks

Das Cynefin Framework geht auf Dave Snowden zurück, der es schon 1999 bei IBM entwickelte. Später (im Jahr 2007) erlangte es einige Berühmtheit, als es in der Harvard Business Review vorgestellt wurde. Mittlerweile ist das Modell fest in der Welt des agilen Arbeitens verankert und hat unter anderem auch seinen Weg in die Stacey Matrix gefunden. (Worüber sich nicht alle gefreut haben.)

Aufbau des Cynefin Frameworks

Das Cynefin Framework unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Domänen. Wobei "Domäne" hier viele verschiedene Dinge bedeuten kann. Das können Systeme, Umgebungen, Herausforderungen, Probleme oder auch ein bestimmter Kontext sein, in dem Du Dich aktuell bewegst, beispielsweise ein Kundenprojekt.

Das Cynefin Modell unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Domänen:

  1. Clear (früher simple)
  2. Complicated
  3. Complex
  4. Chaotic
  5. Confusion (früher disorder)
Aufbau des Cynefin Frameworks

Diese fünf Domänen unterscheiden sich dadurch, dass die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung unterschiedlich ist. In manchen Domänen ist sie offensichtlich, in anderen jedoch nur schwer zu entdecken oder gar erst rückblickend erkennbar. (Die Domäne confusion stellt hier allerdings eine Ausnahme dar, auf die ich gleich noch eingehen werde.)

Jede Domäne braucht eine andere Lösungsstrategie

Kurz gesagt hast Du immer dann (zusätzliche) Probleme, wenn Du für eine Herausforderung eine Lösungsstrategie anwendest, die nicht dafür geeignet ist. Beispielsweise wenn Du ein komplexes Problem mit einer Strategie lösen willst, die für einfache Domänen gedacht ist. (Oder umgekehrt.)

Aber schauen wir uns die fünf verschiedenen Domänen des Cynefin Modells und die dazugehörigen Lösungsstrategien einmal genauer an.

Domäne #1: Clear (Simple)

In einfachen Systemen oder Umgebungen ist die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung offensichtlich: Wenn Du x tust, dann passiert y.

Beispiele

  • Glas auf den Boden werfen → Glas geht kaputt
  • Elektrische Leitung reparieren, ohne den FI-Schalter auszuschalten → Stromschlag

Beste Lösungsstrategie: Best Practice

In klaren bzw. einfachen Kontexten, wo Ursache und Wirkung offensichtlich sind, sind Best Practices der beste Lösungsweg. Gläser schmeißt man eben am besten nicht auf den Boden, weil sie dann kaputt gehen. Wenn man an elektrischen Leitungen bastelt, schaltet man vorher den Strom ab.

Domäne #2: Complicated

Komplizierte Situationen unterscheiden sich von einfachen dadurch, dass die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung nicht sofort offensichtlich ist. Um sie zu erkennen, benötigen wir eine tiefergehende Analyse und außerdem entsprechende Fähigkeiten bzw. Expertise auf dem jeweiligen Gebiet.

Das heißt, komplizierte Probleme sind zwar grundsätzlich vorab durchschaubar und lassen sich analysieren, aber nur, wenn Du das notwendige Know-how mitbringst. Du musst also ein Experte sein, um Ursache und Wirkung zu erkennen.

Beispiel

  • Konstruktion einer Brücke oder eines Gebäudes

Beste Lösungsstrategie: Good Practices

Bei komplizierten Problemen gibt es keine Best Practices. Brücken und Gebäude lassen sich auf viele verschiedene Arten bauen, die alle funktionieren. Dave Snowden spricht hier deshalb von Good Practices.

Kurz gesagt: Viele Wege führen nach Rom.

Domäne #3: Complex

Komplexe Herausforderungen unterscheiden sich von einfachen und komplizierten Umgebungen vor allem dadurch, dass die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung erst rückblickend erkannt werden kann. Das heißt, sie ist zwar vorhanden, aber es ist unmöglich, eine vorherige Analyse durchzuführen oder gar einen darauf basierenden Plan zu entwerfen. Das kann beispielsweise daran liegen, dass einzelne Elemente miteinander interagieren.

Beispiele

  • Brettspiele & Gesellschaftsspiele
  • Künstliche Intelligenz
  • Entwicklung eines innovativen Geschäftsmodells

Gesellschaftsspiele sind ein sehr gutes Beispiel für komplexe Domänen: Wenn ich Dir sagen würde, dass Du bei Carcassonne erst eine Analyse durchführen solltest, um dann vor Spielbeginn einen ausführlichen Plan zu schmieden, wie Du Dein Königreich errichtest, würdest Du mir wahrscheinlich (zu Recht) einen Vogel zeigen.

Denn Du kannst vor Spielbeginn schlichtweg nicht wissen, wie Deine Mitspieler auf Deine Spielzüge reagieren werden. Du weißt auch nicht, welche Karten Du ziehen wirst, wenn Du an der Reihe bist. Pläne und Analysen bringen Dich in solchen Situationen nicht weiter.

Aber was für Legespiele wie Carcassonne gilt, gilt auch für's echte Leben. Beim Thema Künstliche Intelligenz kannst Du das zum Beispiel ebenfalls sehen. Niemand kann heute genau sagen, wie diese Entwicklung weitergeht und wie sich unsere (Arbeits-)Welt dadurch verändern wird. (Auch wenn es aktuell ganz viele Menschen versuchen.)

Beste Lösungsstrategie: Emergent Practices

Weil Du (vorab) keine richtigen Antworten auf komplexe Problemstellungen finden kannst, musst Du experimentieren. Und zwar nicht im Sinne von "Durchwurschteln", sondern im Sinne wissenschaftlichen Arbeitens.

Experimentieren bedeutet, dass Du Hypothesen aufstellst und dann Tests & Experimente dazu nutzt, um sie zu validieren:

  • Was wünschen sich Deine Kunden wirklich?
  • Gibt es einen Markt für Deine Produktidee?
  • Wie reagieren Deine Wettbewerber?
  • Sind Menschen dazu bereit, Geld für Dein Angebot auszugeben?

Deshalb spricht das Cynefin Framework bei komplexen Herausforderungen von Emergent Practices als bester Lösungsstrategie. Erst durch Dein eigenes Handeln (Testen, Experimentieren etc.) kannst Du herausfinden, was die beste Vorgehensweise für Dich ist.

Domäne #4: Chaotic

In chaotischen Situationen ist die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung ebenso unklar wie bei komplexen Herausforderungen. Allerdings kommt hier noch eine dringende Notlage mit hinzu.

Beispiel

  • Corona-Pandemie

Beste Lösungsstrategie: Novel Practices

Als die Corona-Pandemie ausbrach, wusste niemand, was genau zu tun war und welche Maßnahmen helfen würden und welche nicht. Gleichzeitig war es ungemein wichtig, sofortige Maßnahmen einzuleiten, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern oder wenigstens einzudämmen.

Aufgrund der akuten Notlage ist es in chaotischen Situationen auch nicht schlau, erst Experimente durchzuführen – zumindest nicht im ersten Schritt. Es muss vielmehr sofort gehandelt werden. (So gut es nach aktuellem Wissen überhaupt geht.) Erst danach kannst Du daran gehen, Ordnung ins Chaos zu bringen und herauszufinden, wie Du am besten weiter vorgehen solltest.

Im Grunde geht es also darum, eine chaotische Situation in eine komplexe Situation zu überführen. Deshalb spricht das Cynefin Framework hier von Novel Practices.

Erst dann, wenn Du eine einigermaßen stabile Situation hergestellt hast, kannst Du mit Experimenten beginnen, um passende Herangehensweisen zu entwickeln. Beobachten kannst Du das zum Beispiel bei schlimmen Verkehrsunfällen. Hier halten sich Notärzte auch nicht erst mit einer umfangreichen Diagnose auf, sondern sorgen als Erstes dafür, Kreislauf und Atmung von Schwerverletzten wiederherzustellen bzw. lebensbedrohende Blutungen zu stoppen. Und erst danach beginnen sie mit der Diagnose.

Domänen und ihre Lösungswege laut Cynefin Framework

Domäne #5: Confusion (Disorder)

Die fünfte Domäne im Cynefin Framework ist Confusion bzw. Disorder. Hier befindest Du Dich, wenn Dir nicht klar ist, ob eine Situation clear, complicated, complex oder chaotic ist.

Leider ist diese Domäne auch der Ort, an dem wir uns am häufigsten befinden. Das kannst Du zum Beispiel sehr gut daran erkennen, wenn hitzig debattiert wird und jeder eine andere Idee dazu hat, wie das Problem zu lösen sei.

So kannst Du das Cynefin Framework für Dich nutzen

In der Praxis kannst Du das Cynefin Framework in drei sinnvollen Schritten einsetzen.

Schritt #1: Domäne identifizieren

Im ersten Schritt solltest Du Dir über die Domäne klar werden, in der Du Dich befindest. Das ist in der Praxis leider nicht immer ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. (Und zugegebenermaßen sind die Übergänge auch manchmal fließend.)

Hier sind ein paar hilfreiche Fragen, die Du Dir stellen solltest, um Deine Herausforderung zu bewerten.

Ursache-Wirkungs-Beziehung

Kannst Du vorhersagen, was passiert, wenn Du x tust? Domäne
Eindeutig "Ja" Clear
Ja, aber nur mit Expertenwissen Complicated
Ich weiß eigentlich erst hinterher, wie die Dinge zusammenhängen. Complex
Überhaupt nicht. Und es brennt! Chaotic

Wiederholbarkeit

Gibt es Lösungswege, die schon funktioniert haben? Domäne
Ja. Alle machen es gleich und kommen zu guten Lösungen. Clear
Ja. Aber Menschen nutzen unterschiedliche Wege, um zum Ziel zu kommen. Complicated
Nein. Momentan probieren viele Menschen verschiedene Lösungen und experimentieren damit. Complex
Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken! Chaotic

Expertise

Was braucht es, um das Problem zu lösen? Domäne
Gesunden Menschenverstand Clear
Expertenwissen Complicated
Tests & Experimente, weil das Wissen noch nicht vorhanden ist Complex
Sofortiges Handeln Chaotic

Planbarkeit

Kannst Du einen Plan machen? Domäne
Ja. Sogar eine Schritt-für-Schritt-Anleitung! Clear
Ja, aber nur mit einer ausführlichen Analyse und viel Know-how. Complicated
Mein Plan wird schon nach kurzer Zeit hinfällig sein... Complex
Für Pläne ist keine Zeit, ich muss sofort reagieren! Chaotic

Schritt #2: Lege Deine Herangehensweise fest

Wenn Du weißt, in welche Domäne Deine Herausforderung gehört, bist Du schon einen riesigen Schritt weiter. Nun kannst Du Dich im zweiten Schritt für den besten Lösungsweg entscheiden.

Einfache Herausforderungen

Weil einfache oder simple Herausforderungen eine Best Practice ermöglichen, lassen sich diese Probleme mit einfachen Hilfsmitteln bewältigen:

  • Checklisten
  • Schritt-für-Schritt-Anleitungen

Komplizierte Herausforderungen

Komplizierte Herausforderungen sind wie oben dargestellt umfangreicher und schwerer zu durchschauen als einfache Situationen. In diesen Fällen ist eine umfangreiche Analyse durch einen Experten sinnvoll, der sich in dem jeweiligen Themenbereich gut auskennt. Mögliche Herangehensweisen sind:

  • Klassisches Projektmanagement mit ausführlicher Analyse
  • Experten um Rat fragen
  • Wissen aufbauen und selbst zum Experten werden

Komplexe Herausforderungen

Für komplexe Herausforderungen bieten sich agile Methoden und Frameworks an, weil Du durch sie schnell hinzulernen und Dich an neue Erkenntnisse anpassen kannst.

Chaotische Situationen

In chaotischen Situationen musst Du sofort handeln, um die Notsituation aufzulösen. Agile Methoden sind erst im zweiten Schritt sinnvoll, wenn Du die chaotische Situation in eine komplexe überführt hast.

  • Sofort-Maßnahmen und konkretes Handeln, um die Notsituation aufzulösen.

Schritt #3: Wissen aufbauen

Drittens ist das Cynefin Framework auch hilfreich, um Deinen eigenen Wissensaufbau voranzutreiben. Denn jede Erkenntnis, die Du zum Beispiel in komplexen oder sogar chaotischen Situationen erlangst, führt dazu, dass sich diese Domäne auch für Dich verändert.

Wenn es Dir gelingt, in chaotischen Situationen die Notsituation aufzulösen, kannst Du sie in eine komplexe Situation "verwandeln". Wenn Du mehr Wissen über die Zusammenhänge in komplexen Situationen erlangst, wird sie (für Dich) zu einer komplizierten Situation.

🎓
Durch Wissensaufbau "wandert" Deine Herausforderung im Uhrzeigersinn durch die Domänen des Cynefin Frameworks.

Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass Deine eigene Selbstgefälligkeit dazu führt, dass eine eigentlich einfache Situation ins chaotische "abrutscht". Du solltest also die Domäne, in der Du Dich bewegst, kontinuierlich neu bewerten und Deine Herangehensweise permanent hinterfragen, ob sie Dich noch sicher zum Ziel bringen kann.

Kurz gesagt

In der Praxis ist das Cynefin Framework eine unschätzbare Hilfe, um je nach Herausforderung die jeweils passende Vorgehensweise auszuwählen. Statt Dich auf Deine Lieblingsmethode zu verlassen, bist Du nun in der Lage, diejenige Methode auszuwählen, die am vielversprechendsten für Deine momentane Situation ist.

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